Diskutieren

Bericht über die Podiumsdiskussion zum Umbau des Bildungssystems in Baden-Württemberg

Projekt.Ausbildung veranstaltete am 16. Mai 2011 eine Podiumsdiskussion zum Thema:
Die Hauptschule ist …tot, hoch lebe die „Neue Werkrealschule“! Ja, wirklich?

Wir diskutierten über die Zukunft von Bildung in Deutschland als eines der aktuell drängensten Themen in Deutschland und speziell  in Baden-Württemberg seit der Landtagswahl. Unser Thema war deshalb die Neue Werkralschule, weil diese darauf ausgelegt war, Schluss mit dem schlechten Image der Hauptschule zu machen. Mehr Lehrer sollten die individuellen Stärken ihrer Schüler fördern  und  ihnen so den unkomplizierten, problemlosen Einstieg in das Berufsleben ermöglichen. Soweit waren das die Ziele der Reform, die die Hauptschule mit einem neuen Namen und einem etwas anderen Konzept versehen hat.

Vor 50 Diskussionsteilnehmern kamen auf dem Podium sieben Menschen zu Wort, die den Umbau des Bildungssystems tagtäglich hautnah spüren und bewerten sollten, ob es sich hier wieder nur um einen verzweifelten, zum Scheitern verurteilten Versuch handelt, das deutsche Bildungssystem zukunftsfähig zu machen, oder ob Lehrer, Eltern und vor allem Schüler nun tatsächlich auf eine bessere Ausbildung und höhere Akzeptanz in Wirtschaft und Gesellschaft hoffen können.

Kerstin Tulka, Leiterin der kaufmännischen Berufsausbildung eines großen Automobilherstellers, sah zu Anfang das Problem, dass Schüler nicht gut genug orientiert sind. Sie sollten bereits in der 7./8. Klasse in möglichst viele Berufsfelder eingeführt werden können, damit sie sich auch wirklich vorstellen können, wofür sie sich bewerben. Als gute Beispiele nannte Frau Tulka sowohl den Girls‘- als auch den Boys‘ Day. Die Schüler sollten zudem neben Praktika auch die Möglichkeit erhalten mehr Schnuppertage zu absolvieren, denn in Bewerbungsgesprächen können sie auf die Frage, wo sie sich in zehn Jahren sehen, nur wenig befriedigende Antworten geben. Schüler sollte also vor allem in die Lage versetzt werden zu wissen, was sie schaffen können und möchten.

Sonja Fey, Sozialarbeiterin im Interkulturellen Bildungszentrum Mannheim IKUBIZ, betonte, dass Lehrer die Anforderungen des neuen Schulsystems jedoch nicht allein leisten könnten. Sie brauchen Unterstützung, vor allem auch durch eine Öffnung der Betriebe.
Die Förderungen, die Schüler an den Schulen bereits erfahren, müssen sie auch nutzen können und dafür sollten auch die Unternehmen und Schulen an einem Strang ziehen. Sie dankte Projekt.Ausbildung und dessen studentischen Mitgliedern, die auf dem Podium durch Carina Greger und Carina Hockert vertreten wurden und ihre Erfahrungen aus dem Mentoring schilderten, für ihr Engagement.

Stephan Meinzer, Lehrer und Mitarbeiter im Schulamt Mannheim Arbeitskreis Schule und Wirtschaft, fügte dem hinzu, dass gemäß Moderatorin Sofia Gallwas hält ImpulsreferatLernstandserhebungen der Schüler die größten Fortschritte erst in den letzten beiden Jahren der Hauptschule gemacht werden. Diese postiven Leistungen werden ihm zufolge zu wenig nach außen getragen. Die Hauptschule macht sich demzufolge besser, als sie eigentlich gesehen wird. Die Gesamtschule sieht Herr Meinzer mit gemischten Gefühlen. Die Wege sind dort länger als an einer Hauptschule. Denn das vertraute und überschaubare Verhältnis zwischen Schülern geht mit der Durchmischung der Schüler, die aus verschiedenen Schularten kommen verloren. Hauptschüler brauchen genauso wie Gymnasiasten und Realschüler andere Förderungsschwerpunkte.

Die Einführung der Gesamtschule steht Friedrich Graser zufolge, dem Schulleiter der kaufmännischen Max Hachenburg-Schule, mit dem Koalitionsvertrag der neuen Landesregierung in Baden-Württemberg jetzt auf dem Prüfstand der Realität. Herr Graser war nicht der Meinung, dass mit der Gesamtschule Schüler schlechter gefördert werden könnten, weil die Schule größer und unpersönlicher werde. Bereits jetzt sind in seiner Schule  kleine Klassen möglich und die Hauptschüler, die dort lernen machen sich nicht schlechter als andere.

Die Diskussion bewegte sich aber nicht über den Kopf des einzigen Hauptschülers im Raum hinweg. Kai Grasser, Schüler der Kerschensteiner Werkrealschule, machte diesen Sommer 2011seinen Abschluss und fand eine Lehrstelle bei ABB zum Elektroniker der Betriebstechnik. Kai stellte heraus, dass er Gesamtschulen ein wenig kritisch betrachtet. Der Unterschied zwischen Schülern verschiedener Schularten macht sich bemerkbar. Hauptschüler brauchen ihm zufolge einfach nur eine Förderung, die endlich einmal auf sie zugeschnitten ist. Es nütze nichts den Hauptschülern immer nur vorzuhalten, wie das Ansehen der Schule ist, sondern sie müssen gezielt herangeführt werden an die Berufswelt. Er stimmte mit Kerstin Tulka überein, dass nicht nur die großen und bekannten Firmen Ziel der Hauptschüler sein sollten, da mittelständische Unternehmen die Großzahl der Lehrstellen generiert. Die Vielfach geäußerte Kritik am Entwicklungsstand der Hauptschüler im Hinblick auf Umgangsformen teilte Kai Grasser auch mit anderen Diskussionsteilnehmern. In vielen Familien scheint dies nicht mehr selbstverständlich zu sein.

Der Übergang vom Diskussionsteil auf dem Podium war fließend. Die interessierten Zuschauer im Plenum konnten viele Fragen stellen, woraus sich eine angeregte Diskussion entwickelte. Wichtig war für das Publikum, ob aus der Schulreform denn ein positiver Nutzen für die Allgemeinheit ableiten lässt. Kerstin Tulka war überzeut, dass Schwächere an Gesamtschulen mitgezogen werden können und dies dadurch auch einen gesamt-gesellschaftlichen Nutzen habe. Zudem höre damit die Aufteilung nach Schularten auf und schaffe mehr Gemeinschaftssinn.

Alles in Allem, sahen Diskussionsteilnehmer auf dem Podium und im Plenum viele Vorteile des Umbaus des Bildungssystems. Es war keine ablehnende Haltung zu erkennen, eher eine Chance für die Gesellschaft. Die genaue Umsetzung lässt auf sich warten, denn die Informationen hierzu, gingen zum Zeitpunkt der Diskussion nicht über politische Ziele des Koalitionsvertrag der grün-roten Landesregierung hinaus.

Weitere Informationen zur Arbeit sowie zu Terminen und Veranstaltungen von Projekt.Ausbildung gibt es auf weiteren Seiten unserer Homepage.